Gertrud – Selbstbestimmung bis zuletzt
Gertrud war cerebral spastisch behindert und blickte auf eine bewegte, oft schwierige Lebensgeschichte zurück. Schon als Kind wurde sie von ihren Eltern verstossen und wuchs in verschiedenen Heimen auf. Ein grosser Teil ihres Lebens war geprägt von Aufenthalten in Spitälern und davon, auf Unterstützung angewiesen zu sein.
Mit etwa 40 Jahren änderte sich ihr Leben: Gemeinsam mit einem Partner gelang es ihr, trotz ihrer Einschränkungen eine eigene Wohnung zu beziehen. Als die Beziehung nach rund einem Jahr zerbrach, blieb sie alleine zurück – doch das war für sie kein Rückschritt. Im Gegenteil: Endlich hatte sie ihre eigenen vier Wände, ihre Freiheit und die Möglichkeit, ihr Leben nach ihren eigenen Vorstellungen zu gestalten.
Gertrud erhielt Unterstützung von Spitex und verschiedenen Organisationen. Doch diese Beziehungen waren oft nur von kurzer Dauer. Sie fühlte sich schnell bevormundet – zu viele Menschen meinten zu wissen, was „das Beste“ für sie sei.
Kennengelernt habe ich Gertrud durch einen Bioladen, für den ich gelegentlich Lieferungen machte. Ich brachte ihr ihre Einkäufe vorbei – und mit der Zeit entstand Vertrauen. Schritt für Schritt begann sie, mehr meiner Dienstleistungen in Anspruch zu nehmen.
Schliesslich wurde der Freitag zu unserem festen Termin. Woche für Woche unterstützte ich sie in ihrem Alltag: Ich erledigte Einkäufe auf dem Demeterhof und andere Besorgungen, kümmerte mich um ihre Pflanzen in der Wohnung und auf der Terrasse, pflanzte neue Blumen ein oder schmückte im Winter ihre Wohnung mit Weihnachtsdekoration und Girlanden.
Auch administrative Aufgaben gehörten dazu – Recherchen im Internet, Bestellungen und organisatorische Unterstützung. Gertrud lebte als Rohköstlerin, was eine besondere Vorbereitung der Mahlzeiten erforderte. Da sie keine Zähne mehr hatte, bereitete ich ihr Gemüse sorgfältig auf – fein geraspelt oder klein geschnitten – und portionierte alles in Tupperware, damit sie für die Woche versorgt war.
Neben all diesen Aufgaben war eines besonders wichtig: Zeit. Gespräche. Zuhören. Genau das schätzte sie an unserer Zusammenarbeit. Während viele Organisationen stark getaktet arbeiten, blieb bei mir Raum für ihre persönlichen Bedürfnisse – für echte Begegnung.
Als Gertrud an Brustkrebs erkrankte und ein Leben in ihrer Wohnung nicht mehr möglich war, begleitete ich sie weiterhin – im Spital und später im Pflegeheim. Ich kümmerte mich um organisatorische Dinge und brachte ihr regelmässig frisch zubereiteten Tee, in genau den Kombinationen, auf die sie gerade Lust hatte.
Ihr grösster Wunsch war es, in ihrem Zuhause zu sterben. Leider liess sich das nicht mehr realisieren. Nach einer kurzen, schweren Zeit ist sie von uns gegangen.
Was bleibt, ist die Erinnerung an eine starke Frau, die sich trotz aller Umstände ihre Selbstbestimmung bewahrt hat – und die bis zuletzt ihren eigenen Weg gehen wollte.